Nadja Boddin, 43: Ich habe mein Gedächtnis verloren (Grazia 20/10)

Sie wusste nicht mehr, was ein Apfel ist oder wie ihre Freunde heißen, und konnte nicht mehr lesen und schreiben. Wie ist es, wenn man auf einmal sein ganzes Leben vergessen hat?

Ich habe 36 Jahre lang nicht gewusst, dass eine Zeitbombe in mir tickt. Dass in meinem Gehirn ein Angiom war, ein fehlgebildetes Blutgefäß. Andere Betroffene leiden unter ständigen Kopfschmerzen, manchmal sogar unter Lähmungen oder Sprach- und Sehstörungen – mir ging es immer gut. Bis zum
19. Dezember 2003. Ich war morgens im Bad und machte mich für die Arbeit fertig, als ich schreckliche Migräne bekam. So stark, dass ich vor Schmerzen schrie und mich übergeben musste. Zum Glück ist mein Lebensgefährte Künstler und arbeitet von zu Hause aus. Er rief sofort den Notarzt. Als der kam, war ich bereits bewusstlos. Das Angiom in meinem Kopf war geplatzt. Danach lag ich mehrere Wochen im künstlichen Koma, Anfang Januar wurde ich operiert. Der erste Tag, an den ich mich wieder richtig erinnern kann, ist der 26. Januar 2004. Damals ahnte ich allerdings noch nicht, wie sehr die Blutung meinem Gehirn geschadet hatte. Mir fiel nur auf, dass ich die Personen um mich herum zwar erkannte, mir aber ihre Namen fehlten. Ich fragte meine Familie im Krankenhaus immer, wie es Alfred denn ginge – aber keiner wusste, wen ich meinen könnte. Erst Wochen später stellte sich heraus, dass ich Zorro meinte, meinen Kater. Ich weiß bis heute nicht, wie ich auf Alfred kam. Aber damals bin ich richtig sauer geworden, weil ich mich so unverstanden fühlte. Ich merkte zwar, dass mir manche Wörter nicht einfielen. Aber dass ich gar nicht mehr lesen, schreiben oder rechnen konnte, die Uhr nicht kannte und keine Ahnung hatte, wie man einen Herd bedient oder einen Braten zubereitet, wusste ich noch nicht.
Erst als ich zur Kur kam, wurde mir das bewusst. Ich bekam einen Zettel, auf dem meine Therapie- termine standen, wann ich wo sein sollte. Als ich
merkte, dass ich den nicht lesen konnte, bekam ich einen riesigen Schock. Doch ich schämte mich, es zuzugeben. Also schwieg ich. Ich hoffte, dass ich das schon irgendwie schaffen würde. Doch als ich gleich am ersten Tag bei keinem meiner Termine auftauchte, konnte ich es nicht länger verbergen. Nach und nach fielen dann immer mehr Dinge auf, die ich nicht mehr konnte. Meine Welt brach Stück für Stück zusammen. Ich hatte als Bankangestellte gearbeitet – plötzlich konnte ich nicht mehr eins und eins zusammenzählen. Ich wusste nicht, wie man die einfachsten Dinge nennt. Ich hatte immer von einem Leben in Griechenland geträumt, aber die vielen Jahre Sprachkurs waren wie weggewischt. Während der Kur wurde dann erst mal nur meine Wortfindungsschwäche behandelt. Ich lernte die Uhr neu, Farben und wichtige Begriffe.
Als ich vier Wochen später nach Hause kam, fingen die Probleme erst richtig an. Ich war hilflos wie ein kleines Kind. Ich konnte weder Herd noch Wasch- maschine bedienen. Früher habe ich gerne und viel gekocht, plötzlich hatte ich keine Ahnung, was man wie zubereitet. Schon das Einkaufen war eine Herausforderung. Ich konnte nicht lesen, mein Orientierungssinn war ebenfalls schwach. Oft hatte ich keinen
Plan, wo die Dinge stehen könnten, aber ich traute mich auch nicht, andere Leute um Hilfe zu bitten. Wie soll man nach Zucchini fragen, wenn einem das Wort nicht einfällt – und man nur von „diesem grünen Ding“ sprechen kann? Ich schämte mich für meine Schwäche, kam mir nutzlos vor und verlor alle Lebensfreude. Ich fragte meinen Mann oft: „Warum hast du mich nicht einfach liegen lassen?“ Aber er hat mir dieses Selbstmitleid nicht durchgehen lassen, sondern mich immer angespornt und unterstützt. Wir machten viele Schreibübungen und spielten oft Tabu, damit ich die Wörter wieder lernte und auch, wie man sie umschreiben kann. Und ich besuchte regelmäßig eine Sprech- und Schreibtherapie.
Schon kurz nach der Kur forderte mich meine Krankenkasse auf, einen Rentenantrag einzureichen. Ich hatte immer gern gearbeitet. Den Gedanken, mit 36 Rentnerin zu sein, fand ich schrecklich. Also begann ich nach sechs Monaten eine berufliche Wiedereingliederung. Natürlich hätte mir klar sein müssen, dass das nicht funktionieren kann. Wie sollte ich in einer Bank arbeiten, wenn ich Probleme mit Zahlen und dem Rechnen hatte? Das war zum Scheitern verurteilt. Und statt Hilfe zu bekommen, wurde ich auch noch gemobbt. Mein Job war bereits wieder vergeben – und der neue Kollege wollte ihn nicht kampflos aufgeben. Also legte er mir Steine in den Weg, statt mir zu helfen. Ich war verzweifelt – und gab nach ein paar Wochen auf.
Mittlerweile habe ich gelernt, mit den Folgen der Gehirnblutung zu leben – und sie zu akzeptieren. Meine Sprachschwäche hat sich gebessert, aber sie ist immer noch von meiner Tagesform abhängig. Genauso ist es mit dem Schreiben. Manchmal sind meine Sätze fast richtig, an anderen Tagen total falsch. Doch ich habe mehr Selbstbewusstsein – dabei hat mir ein Therapeut geholfen. Ein großes Problem bleibt das Lesen: Früher war ich ein richtiger Bücherwurm und habe an einem Wochenende locker ein ganzes Buch durchgelesen, heute brauche ich ewig für eine einzelne Seite. Und dann spielt auch oft mein Gedächtnis nicht mit. Von einem Tag auf den nächsten vergesse ich, was überhaupt die Handlung war. Um ein Buch bis zum Ende zu schaffen und zu verstehen, muss ich mir beim Lesen Notizen machen: X ist der Mann von Y und arbeitet in der und der Firma und hat das und das gemacht.
Manche Dinge sind von der Gehirnblutung überhaupt nicht beeinträchtigt worden. Auto fahren konnte ich zum Beispiel sofort wieder – auch wenn ich das mittlerweile nicht mehr so oft mache. Ich kann immer noch Englisch verstehen und sogar ein bisschen sprechen. Und auch wenn ich mir Namen schlecht merken kann – sobald ich auf der Straße einen alten Bankkunden treffe, weiß ich zwar nicht mehr, wie er heißt, dafür aber, ob er viel oder wenig Geld auf dem Konto hatte. Heute komme ich ganz gut klar, auch wenn manches länger dauert als bei anderen. Ich habe mir meine Stützen für den Alltag geschaffen: Ich trage jeden Termin in einen Kalender ein. Ich lese jede E-Mail mindestens zweimal, bevor ich sie abschicke. Ich gehe immer im gleichen Supermarkt einkaufen. Und ich habe immer Zettel und Stift in der Tasche. Nur ungewohnte Situationen bringen mich aus dem Tritt. Wenn ich etwa in einem neuen Restaurant bin und mir kurz die Hände waschen will, fällt es mir schwer, wieder an meinen Tisch zurückzufinden.
Vielleicht könnte ich heute sogar alleine leben, aber das würde ich gar nicht wollen. Die Beziehung zwischen meinem Lebensgefährten und mir ist noch enger geworden. Ich habe mit vielen Frauen gesprochen, denen das Gleiche passiert ist – ihre Beziehungen sind daran oft zerbrochen. Ich habe also noch Glück gehabt.
Protokoll: Angela Meier-Jakobsen

Erschienen in Grazia, Ausgabe 20/10

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