Grazia 17/10: Mein Mann wollte, dass ich sterbe

Aylin Korkmaz, 37, wurde von ihrem Mann mit 26 Messerstichen attackiert. Weil er seine Ehre verletzt sah


Der Tag, an dem ich sterben sollte, war ein Mittwoch im November 2007. Mehmet stürmte in die Autobahnraststätte, in der ich arbeitete. Wie besessen stach er mit zwei Messern auf mich ein, versuchte, mir Ohr und Nase abzuschneiden. Ein Schnitt ging quer durch meinen Hals. In der Notfall­ aufnahme sagte man, es sei ein Wunder, dass ich noch lebe. Mehmet wollte, dass ich sterbe, denn ich hatte seine Ehre verletzt, indem ich mich von ihm scheiden ließ und selbstbewusst mein eigenes Leben lebte.
Manchmal glaube ich, das wäre nie passiert, wenn mein Vater nicht gestorben wäre, als ich sechs Jahre alt war. Mein Vater war modern, er hat schon in den 70ern so gelebt, wie es heute in der Türkei normal ist. Er hätte nicht gewollt, dass ich eine arrangierte Ehe eingehe. Meine Mutter dagegen wollte die Verant­ wortung für eine junge Frau wie mich abgeben, weil die Eltern in der Türkei verantwortlich sind für die Ehre ihrer Tochter. Mehmet war einer der Heirats­ kandidaten. Er lebte in Deutschland, fuhr mit einem Mercedes bei uns in der türkischen Großstadt Adana vor. Er schmiss mit Geld nur so um sich und sagte, er würde mir ein Studium in Deutschland finanzieren. Also stimmte ich der Hochzeit zu. Wahrscheinlich weil ich glaubte, dass ich mit 18 Jahren ohnehin keine andere Chance hätte.
ls ich in Deutschland ankam, stellte sich heraus, dass alles, was Mehmet mir erzählt hatte, eine große Lüge war. Er war in Wirklichkeit 13 Jahre älter als ich, arbeitslos, das Geld, mit dem er geprasst hatte, war geliehen, genauso wie der Mercedes. Wir schliefen sogar ein paar Wochen im Auto, bis Mehmet endlich einen Job fand. Die Sache mit meinem Studium hatte sich natürlich erledigt. Schon bald begann er, mich zu schlagen. Zuerst war es nur eine Ohr­ feige. Irgendwas hatte Mehmet nicht gefallen, und er schlug zu. Danach entschuldigte er sich sofort. Er schwor, dass das nie wieder passieren würde und er mich liebte. Ich glaubte ihm. Auch als er wieder zuschlug.
Schnell hintereinander bekam ich drei Kinder. Und wachte jeden Morgen mit der Angst auf, dass ich wieder von ihm geschlagen oder getreten werden würde. Trotzdem dachte ich nie daran, Mehmet zu verlassen. Wohin hätte ich auch gehen können? Meine Familie war in der Türkei, in Deutschland hatte ich niemanden. Einmal bin ich mitten in der Nacht mit meinen Kindern zur Polizei geflüchtet und habe Anzeige erstattet. Die Beamten haben alles aufgeschrieben. Aber ich kannte weder meine Rechte, noch wusste ich, welche Hilfseinrichtun­ gen es gibt. Das geht vielen türkischen Frauen in Deutschland so. Ich zog die Anzeige zurück, bin wieder nach Hause gegangen und habe mich brav neben Mehmet ins Bett gelegt.
einesTages ging er mit einem Beil auf mich los, als ich gerade unsere Tochter auf dem Arm trug. Das war der Wendepunkt. Ich bin sofort mit unseren Kindern zu meiner Familie in die Türkei geflüchtet. An Scheidung dachte ich damals, es war 1998, trotzdem nicht. Sie ist bei uns eine große Sache. Ich kenne Frauen, die haben nach ihrer Scheidung keinen Kontakt mehr zu ihren Eltern. Also hat sich die ganze Familie dafür eingesetzt, dass Mehmet und ich uns wieder vertrugen. Sie behaupteten, er habe sich geändert. Ich glaubte ihnen. Denn ich wollte auf keinen Fall, dass meine Kinder ohne Vater aufwachsen. Also kehrte ich zu ihm zurück. Doch nichts änderte sich.
An Fasching 2003 schlug er mich vor allen Gästen in der Kneipe seines Bruders zusammen. Es war das erste Mal außerhalb unserer vier Wände und das letzte Mal, dass ich es mir gefallen ließ. Ich ließ mich scheiden, nach 13 Jahren Ehe. Unseren Familien verschwiegen wir es, wir lebten sogar weiter in der gleichen Wohnung. Alles wegen der Ehre. Heute weiß ich, wie naiv es war zu glauben, es ändere sich etwas, nur weil wir auf dem Papier geschieden sind. Er tyrannisierte mich weiter, bestahl mich, versuchte sogar, mir die Kinder wegzunehmen. Ich musste mich wehren. Im Juni 2007 nahm ich allen Mut zusammen und setzte ihn mithilfe der Polizei vor die Tür.
In den Tagen vor seiner Tat wurde Mehmet verurteilt, mir Unterhalt zu zahlen. Und er bekam mit, dass ich ein neues Auto fuhr, obwohl er mir mein altes weggenommen hatte. Er merkte, dass mein Leben weiterging – ohne ihn. Er wollte mir zeigen, dass ich immer noch ihm gehöre. Dass er über mein Leben entscheidet.
Als er hörte, dass ich den Mord­ versuch überlebt hatte, soll er „Nein!“ gerufen haben. Er wollte, dass ich sterbe, weil ich seine Ehre verletzt hatte. Nicht, indem ich etwas Ehrloses getan hatte, etwa mit einem anderen Mann. Er sah mich ganz einfach als sein Eigentum an, wie ein Telefon oder Auto. Als ich mich dagegen wehrte und auf eigenen Füßen stehen wollte, ging das gegen seine Ehre.
er hat 13 Jahre Haft für versuchten Mord bekommen. Das Gericht begründet seine Entscheidung gegen die Höchststrafe unter anderem mit Meh­mets kultureller Herkunft. Das ist eine Beleidigung für mein Volk – in der Türkei gibt es keine Strafmilderung für Ehrenmord. Ich hasse Mehmet nicht, ich habe gar keine Gefühle mehr für ihn.
Ich wünsche mir einfach nur ein normales Leben – doch das ist schwer mit einem Gesicht, das mir im Spiegel fremd ist. Ich bin 16 Mmal operiert worden – und es ist noch nicht vorbei. Nach sechseinhalb Jahren, also 2014, könnte Mehmet wegen seines türkischen Passes in die Türkei ausgeliefert werden und dort in Freiheit leben. Unvorstellbar. Wer garantiert mir, dass er nicht wieder versuchen wird, mich zu töten?

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