Grazia 15/10: Ich lebte im Harem von Brunei

50 Frauen bieten dem Prinzen ihre Liebesdienste an, jeden Tag wählt er zwei oder drei von ihnen aus. Jillian Lauren hat anderthalb Jahre in dem geheimnisvollen Harem von Brunei verbracht – jetzt erzählt sie, was sie dort erlebte

Als ich in das Flugzeug Richtung Brunei stieg, war ich 18, pleite und abenteuerlustig. Ich lebte in New York, wollte Schauspielerin werden, hatte chronische Geldprobleme und deshalb die letzten Monate bei einem Escort-Service gearbeitet. Eine Kollegin nahm mich mit zu einem Casting, es hieß, ein Geschäfts- mann suche weibliche Gäste für eine Party in Südostasien. Der Lohn für die zwei Wochen sollte in die Zehntausende gehen. Leicht verdientes Geld, dachte ich – und war Feuer und Flamme. Erst als man mir zusagte, erfuhr ich, dass es zum Prinzen von Brunei gehen sollte. Nie gehört. „Der Prinz von wo?“
Als ich in Brunei ankam, den riesigen Palast und all die Frauen sah, ahnte ich schon, dass die Sache interessant werden könnte. Die Party mit fünfzig Frauen wurde für Prinz Jefri ausgerichtet, den Bruder des Sultans. Jefri war der Finanz- minister von Brunei. Reich, mächtig, drei Ehefrauen, mehrere Freundinnen neben- bei und angeblich auf der Suche nach einer vierten Frau. Einige der Partygäste hofften, dass sie das werden könnten.
Unter den fünfzig anwesenden Frauen gab es eine strenge Hierarchie: Jefris erste
Freundin Fiona, eine Philippinerin, saß an seiner linken Seite, der Tisch mit ihren Landsfrauen stand nahe an seinem. Dann kamen die Indonesierinnen und Malay- sierinnen, die Thailänderinnen waren ganz hinten. Wir Amerikanerinnen saßen in der Mitte. Jede Nacht wählte der Prinz eine oder zwei Frauen aus, die er sich zum Sex aufs Zimmer bringen ließ.
Ich war in einem Harem gelan- det. Einem Ort, um den sich viele Mythen ranken, weil selten jemand aus der westlichen Welt hinter die verschlos- senen Türen blicken darf. Für mich war der Harem vor allem eine Welt mit strengen Regeln. Es gab Vorschriften im Umgang mit der königlichen Familie: Wir mussten den Kopf unterhalb des des Prinzen senken, wenn er vorbeiging. Wenn Jefri am Tisch saß und man an ihm vorbeikam, musste man sich also sehr tief verbeugen – der Prinz ist ziemlich klein. Viele andere Regeln waren unausgesprochen und wurden durch Kameras und Mikrofone über- wacht: Man musste Single sein, ohne Freund in der Heimat. Nicht ohne Erlaubnis den Palast verlassen oder auf die königliche Entourage zugehen und sie einfach ansprechen. Das war schwer für mich, wir Amerikaner denken immer: „Hier bin ich, und das habe ich zu sagen.“ Ich habe mich trotzdem schnell angepasst. Wahrscheinlich, weil ich mir alles von den anderen Frauen abguckte und weil mich Jefris erste Freundin unter ihre Fittiche nahm.
Untereinander waren wir keine echten Freundinnen, sondern Konkurrentinnen. Wir buhlten um die Aufmerksamkeit des Prinzen, denn die war eine Menge wert. In erster Linie natürlich Geld: Wenn man ihm gefiel, gab es Geschenke, man durfte ohne Limit einkaufen gehen, begleitete ihn auf Auslandsreisen und bekam am Ende einen Bonus. Aber auch sonst hatte man das Gefühl, mehr wert u sein als die anderen Frauen. Obwohl Jefri normalerweise nicht mein Typ gewesen wäre, wollte ich ihm um jeden Preis gefallen. Auf einer Party sang ich ein Lied für ihn in einer Sprache, die ich nicht kannte. So was hätte ich sonst nie gemacht – aber es ist schwer, sich zu erinnern, wer man ist, wenn man sich ausschließlich um die Bedürfnisse eines Mannes kümmert. In der Nacht meines Auftritts ließ mich Jefri in eines seiner Apartments holen. Dort hatten wir vollkommen biederen Sex. Und wir benutzten kein Kondom.
Als sich die zwei Wochen in Brunei dem ende näherten, hatte ich Angst, man würde mich nach Hause schicken. Ich fühlte mich in Brunei wie Cinderella, obwohl ich nichts anderes war als eine Prostituierte. Ich schlief mit Jefri gegen Geld. Und ich wusste, dass er täglich noch mit anderen Mädchen Sex hatte. Ich wollte trotzdem bleiben. Immerhin saß ich auf den Partys an seiner rechten Seite und war damit ganz offiziell die zweite Freundin. Ich musste also etwas richtig gemacht haben. Ich glaube, ich wirkte naiv und unschuldig mit meinen 18 Jahren und war gleichzei- tig intelligent – das hat Jefri fasziniert. Er hat mich einmal sogar an seinen Bruder, den Sultan, „ausgeliehen“ – eine Art Ritterschlag für die Frauen dort. Er wollte, dass ich länger bleibe.
Der Alltag im Harem war langweilig. Wir schliefen lange, bekamen Essen serviert, guckten Filme, nutzten das Sportangebot oder lagen am Pool. Das klingt vielleicht wie Urlaub, doch es hatte etwas von einem Gefängnis ohne Gitterstäbe. Natürlich konnte ich jederzeit gehen, aber ich hätte nicht wiederkommen können. Nach sechs Monaten im Palast hatte ich das Gefühl, verrückt zu werden. Ich war einsam. Ich wollte nach Hause. Zu meinen Freunden, zurück zur Schauspielerei. Ich hatte Angst zu vergessen, wer und was ich sein wollte. Jedenfalls kein professioneller Partygast. Ich war Schauspielerin, aber ich konnte nicht mehr jeden Tag so tun, als ob es mir dort wirklich gefiel. Unter einem Vorwand flog ich nach New York, in meiner Tasche steckte ein Flugticket zurück nach Brunei, datiert auf zwei Wochen später. Ich hatte mehrere Hunderttausend Dollar, teuren Schmuck und Designerkleider als Lohn für meine Dienste bekommen. Ich blieb nicht nur zwei Wochen in New York, sondern Monate. Ich hatte einen Freund, spielte am Theater, ich lebte endlich wieder in Freiheit. Und trotzdem kehrte ich für ein paar Monate nach Brunei zurück. Vielleicht war es die Macht des Geldes oder die Abenteuerlust – ich weiß nicht, was mich getrieben hat. Doch alles hatte sich in der Zwischenzeit verändert, es gab neue Mädchen, ich hatte beim Prinzen ausgedient. Ich war ein Relikt aus vergangenen Zeiten geworden.

Trotzdem bereue ich die Zeit im Harem nicht. Die Konkurrenz unter den Frauen war eine harte, aber gute Schule fürs Leben. Mir tut nur leid, dass ich mir damals so wenig wert war. Dass ich die Bestätigung eines sex- süchtigen Prinzen brauchte. Dass ich so unvorsichtig war – was hätte bei diesem Abenteuer alles passieren können!
Protokoll: Angela Meier-Jakobsen

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