Das Kiez-Magazin 01/10: Kiezgeflüster von Holger Stanislawski

Der Trainer des FC St. Pauli kennt sich auf dem Kiez aus:
Er feierte dort Aufstiege, aber auch gerne privat


Das Kiez-Magazin: Wie erklären Sie einem Unwissenden den Stadtteil St. Pauli?
Holger Stanislawski: St. Pauli ist multikulturell mit einem sehr freizügigen Nachtleben. Tag und Nacht kann man gar nicht vergleichen. Nachts bunte Lichter, Farben, Leuchtreklamen, alle sind gut drauf. Tagsüber sieht man das wahre Gesicht. St. Pauli ist einer der ärmsten Stadtteile Hamburgs. Nachts wird alles kaschiert durch das tolle Treiben in den Bars. Aber es ist wichtig, auch am Tage hinzusehen.
Deswegen unternehmen Sie mit den Spielern auch Stadtteilführungen?
Fußballer halten sich selten tagsüber dort auf. Wir wollen ihnen zeigen, wie der Kiez wirklich ist, welche sozialen Projekte laufen, was der Verein unterstützt, welche Zuschauer sich ein Ticket vom Mund absparen. Jeder Spieler muss wissen, wie eng Stadtteil und Verein verbunden sind. Die Bewohner identifizieren sich mit uns, das muss umgekehrt genauso sein.
Was war Ihr lustigstes Erlebnis auf dem Kiez?
Als Spieler war ich mit den Jungs oft in der „Blauen Nacht“ an der Ecke zur Herbertstraße. Die Kneipe war ziemlich schmierig und fies, aber der Wirt war ein großer Fan und hat immer extra zugemacht für uns. Danach sind wir oft zum Fischmarkt gezogen, wenn man noch konnte. Einmal kamen wir total angeschossen auf die Idee, eine Runde American Football mit Wassermelonen zu spielen. Ich wollte einen schönen Touchdown hinlegen, springe mit der Melone in der Hand ab und zertrümmere sie auf dem Kopfsteinpflaster. Super! Am nächsten Tag bin ich mit Schmerzen aufgewacht: Meine Ellenbogen waren aufgeschlagen und blau… Toll war auch, als wir 2001 in die Erste Liga aufgestiegen sind: Da standen Tausende von Menschen auf dem Kiez und haben zusammen gefeiert. Wahnsinn!
Feiern die Spieler heute wie Sie früher?
Das kann ich nur aus Erzählungen beurteilen. Ich ziehe nicht mit ihnen los, das muss man trennen. Ich denke aber, sie stehen uns in nichts nach.
In München wurden Kicker früher mal von Detektiven überwacht… Auch eine Variante?
Ich sage den Jungs immer: „Ich bin gebürtiger Hamburger.“ Ich habe meine Quellen und weiß, wo sie sich aufhalten. Wir haben Regeln: zwei Tage vor dem Spiel nicht nach 23 Uhr unterwegs sein, sondern sich aufs Spiel konzentrieren. Daran halten sie sich.
Welcher St. Paulianer verdient ein Denkmal auf dem Kiez?
Egal, wie kontrovers man über Corny Littmann diskutiert, ich denke, dass er ein Denkmal verdient hätte. Er hat den Club mit unliebsamen Entscheidungen vor dem Aus bewahrt. Ihm gebührt der größte Dank für das, was der Verein und alle anderen heute genießen können.
Der Vorwurf des Ausverkaufs wurde oft laut…
Es ist wichtig, dass man mit der Zeit geht. Auch wir müssen die Strukturen aufbrechen. Alle wollen bessere Spieler, besser sitzen, der Verein muss Geld generieren. Dafür muss man wirtschaftlich denken. Das Gute an unseren Fans ist, dass die sich gerade machen und „stopp!“ sagen, wenn es zu viel wird. Wir wollen unsere Identität und den Charme ja bewahren. Andere Vereine haben ein Maskottchen, das zum Beispiel wird es bei uns nie geben…

Angela Meier-Jakobsen für St. Pauli – Das Kiez-Magazin 01/10

Dieses Interview ist ein Auszug aus der Titelgeschichte „Promis packen aus: Kiezgeflüster“

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