Petra 07/2009: Feilschen wie auf dem Bazar

Andere handeln selbst beim Traumurlaub – nur man selbst ist zu nett. Petra-Mitarbeiterin Angela Meier-Jakobsen kämpfte erst mit dem inneren Schweinehund, dann um Prozente. Mit Erfolg!

Es gibt Worte, die mir bisher noch nie über die Lippen gekommen sind. Zum Beispiel: „Haben sie dieses Oberteil auch noch in Größe XS?“. Oder: „Kann man da am Preis noch was machen?“ Alleine beim Gedanken daran strömt mir die Röte ins Gesicht wie Schnaps in Lindsay Lohan’s Kehle. Das schaffe ich nicht. Ich bin ein bequemer Einkäufer. Reingehen, aussuchen, bezahlen, rausgehen, tschüß. Feilschen kommt bei mir nicht in die Tüte. Vielleicht denken manche, dass ich deshalb kein bequemer, sondern ein bescheuerter Einkäufer bin. Denn man hört ja immer wieder diese Geschichten über Leute, die niemals den angegebenen Preis zahlen müssen, weil sie nur hartnäckig handeln.

Aller Anfang ist schwer. Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen. So viele kluge Sprüche. Deshalb starte ich lieber klein: Ich muss mal wieder zum Friseur – genau der richtige Laden für meine ersten Verhandlungen. Die Friseurin meines Vertrauens weiß genau, wie ich die Haare haben will. Sie weiß aber eben auch ganz genau, wie viel ich normalerweise bezahle. Ich gebe mich vergesslich. „Was kostet das noch mal gleich?“, frage ich beiläufig, noch bevor ich überhaupt meine Jacke abgelegt habe. „20 Euro“, sagt sie. Ich überlege ernsthaft, das Projekt abzubrechen. Was sind noch mal 30 Prozent von 20 Euro? Lächerlich. Denke ich – sagen höre ich mich aber: „Das ist aber auch ganz schön viel Geld in Zeiten der Wirtschaftskrise.“ Die Friseurin guckt mich an, als hätte ich einen dreckigen Witz über ihre Oma gemacht. Und dann kommen sie direkt aus meinem Mund, die unaussprechlichen Worte: „Kann man da am Preis nicht noch was machen?“ Ich schäme mich. Das Blut puckert in meinem Kopf. Die Friseurin starrt mich immer noch an. Ich erwarte, dass sie mich aus dem Laden wirft und mir lebenslanges Hausverbot erteilt. 21. 22. 23. Endlich sagt sie was. „Im Preis kann ich nicht runtergehen. Aber ich kann dir eine Haarkur obendrauf geben. Bist ja schließlich eine Stammkundin.“ Ich gucke auf die Preisliste: 4 Euro kostet eine Kur. Immerhin bekomme ich einen Preisvorteil von 20 Prozent. Und glänzende Haare!

Mein zweiter Versuch führt mich in die Tiefen einer echten Männerdomäne: den Baumarkt. Mein Vater hat sich fürs Wochenende angekündigt und will endlich mein neues Küchenregal anbringen. „Mäusi, du hast dir doch schon eine Bohrmaschine gekauft, oder?“, fragt er. „Klar“, lüge ich und suche den Baumarkt-Prospekt vom Wochenende noch mal schnell heraus. Ich habe das Gefühl, dass mir die Nummer mit dem Feilschen dort gefallen könnte – schließlich wehrt sich mein ganzer Körper dagegen, viel Geld für etwas auszugeben, das man nicht anziehen kann.
Ich suche mir einen Verkäufer, der aussieht, als hätte er mit Frauen im Baumarkt schon so ziemlich alles erlebt. Er zeigt mir drei Geräte, die für mich gleich aussehen, aber im Preis unterschiedlich sind. Ich frage, welche er mir empfehlen kann. Die mittelteure. Zeit für meinen Auftritt: „Sie wissen ja sicher, dass ein Konkurrenzunternehmen gerade wieder 20 Prozent auf alles außer Tiernahrung gibt, oder? Was bekomme ich denn von Ihnen, wenn ich trotzdem hier einkaufe?“ Ich fühle mich kleiner als jeder Wurm auf Erden. Der Verkäufer zögert kurz. Ich lege noch einen nach. „Immerhin muss ich mir dazu ja auch immer jemanden suchen, der die Löcher bohrt. Das kostet ja auch noch mal was.“ Mir ist zwar selbst nicht so ganz klar, was der Verkäufer mit meiner handwerklichen Unfähigkeit zu tun hat – aber Mitleid zieht doch eigentlich immer. Und wirklich: „Ich würde Ihnen die Maschine für 35 Euro geben“, sagt er. 35 Euro statt 49,99 Euro – genau 30 Prozent. Da kann nicht mal das Konkurrenzunternehmen mithalten. Ich bekomme einen Nachlass-Zettel für die Kasse. Als Grund für den Rabatt steht darauf „Tiefpreisgarantie“. So leicht bekommt man also Tiefpreise? Ein Kinderspiel!

Mit soviel Selbstvertrauen im Gepäck mache ich mich auf den Weg in eine Nobelboutique. Eine, in der nur drei Kleidungsstücke hängen und mehr Verkäuferinnen im Laden sind als Kunden. Schon als ich durch die Tür komme, heftet sich eine von ihnen an meine Fersen. Ich gucke mich um, in meinem Schatten die umtriebige Verkäuferin, die mich mustert, als würde ich Kleidung vom „Deutschen Roten Kreuz“ tragen. Mein Blick bleibt an einer braunen Ledertasche hängen. Die will ich haben – leider verrät der Blick aufs Preisschild, dass 1550 Euro dafür fällig werden. Kann ich die Verfolgerin, äh, Verkäuferin wirklich 450 Euro runterhandeln?
„So eine schöne Tasche“, schwärme ich. Sie nickt eifrig. „Leider kann ich mir die so zwischendurch für soviel Geld nicht leisten“, seufze ich. Die Verkäuferin nickt wieder. Als wolle sie sagen, dass ihr das ohnehin von Anfang an klar war. Ich lasse mich nicht entmutigen: „Der Preis ist doch bestimmt noch verhandelbar, oder?“ Die Verkäuferin spitzt die Lippen und sagt mit kalter Stimme: „Wir haben konzerngebundene Preise. Rabatte gibt es nur im Schlussverkauf. Tut mir leid.“ Vielleicht hat sie das „Tut mir leid“ nicht mal gesagt, ich höre gar nicht mehr richtig hin. Ich will nur noch raus aus dem Laden. Hier ist wirklich nichts zu holen. Immerhin: Ihr Kollege stürzt zur Tür und hält mir diese auf dem Weg nach draußen auf. Diesen Service gibt es gratis, ohne dass man danach fragt.
Ich schlendere in den Coffeeshop direkt um die Ecke, bestelle einen Cappuccino und zögere eine Sekunde: Soll ich oder soll ich nicht? Ich entscheide mich gegen das Feilschen. Weder 15 Euro noch eine Gratis-Haarkur sind die paar Sekunden wert, in denen ich mich wie der geizigste Mensch der Welt fühle. Alles hat eben seinen Preis – und ich hab jetzt wieder meine Ruhe.

Angela Meier-Jakobsen für Petra 07/09

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