Maxi 10/09: „Ich weiß genau, wer du bist“

Wer an einem Bankschalter arbeitet, muss mit der Gefahr leben, überfallen zu werden. Aber mit einem hat Annika Kramer nicht gerechnet: dass sie den Mann, der „Hände hoch!“ brüllt, erkennt – als alten Freund aus Schulzeiten

Der Mann, der am 11. März um 9.20 Uhr Annikas Filiale in einem Hamburger Vorort durch die Hintertür betritt, trägt eine Motorrad-Sturmhaube, die nur Augen und Mund freilässt. Darüber die Kapuze seines schwarzen Pullovers. Eine schwarze Hose, weiße Turnschuhe. Und eine Pistole, die er auf die Anwesenden richtet. Sieben Bankmitarbeiter, zwei Kunden. „Das ist ein Überfall, Hände hoch!“ Ein Spruch wie im Film. Alle starren den Täter mit offenem Mund an. Das Ticken der großen Uhr an der Wand klingt wie das Ticken einer Zeitbombe. „Das ist kein Scherz. Einer kommt jetzt her und gibt mir Geld!“, brüllt der Mann in die Stille.
Als Annika aufsteht, zittern ihre Beine. „Du weißt, wie das geht. Du hast es oft genug trainiert“, betet sie stumm vor sich hin. Zweimal im Jahr müssen die Angestellten ein Computerprogramm namens „Bonnie & Clyde“ durchspielen, mit dem sie trainieren, wie man sich bei einem Überfall richtig verhält. Annika hat jedes Mal die volle Punkzahl erreicht. Sie weiß, was zu tun ist. Theoretisch. Sie geht mit festem Schritt an den Schalter. In der Kasse liegen 800 Euro. Sie gibt dem Mann das Geld, doch der will mehr. Er glaubt nicht, dass so wenig in der Kasse ist. Annika glaubt nicht, was ihr gerade klar wird: Dass sie ihn kennt. Seine Stimme, seine Augen.
Björn ging in die Klasse unter ihr, man hatte gemeinsame Schulfreunde, feierte zusammen. „Er war ein gut aussehender Typ. Ich hätte mir sogar vorstellen können, mit ihm was anzufangen.“ Dunkle Haare, fast schwarze Augen mit einem Funkeln darin. Ein sympathischer Typ, der nie über die Strenge geschlagen hat. „Ich hätte nicht gedacht, dass er so etwas machen würde. Er ist nicht der klischeehafte Bankräuber.“ Er kommt aus einem nahe liegenden Dorf, wuchs alleine mit der Mutter, aber dennoch behütet auf. Kein Klischee-Krimineller.
Nach der haben sich die beiden aus den Augen verloren. Bis sie sich vor ein paar Monaten zufällig beim Gassi gehen mit ihren Hunden trafen. Er erzählte, dass er ein Restaurant in der Stadt aufmachen wollte. Sie stellten fest, dass sie nur wenige Meter auseinander wohnen. „Wo ich arbeite, habe ich ihm nicht erzählt“, erinnert sich Annika. Keine Woche vor dem Überfall der nächste Zusammenstoß: Annika bog etwas zu rasant mit dem Auto um eine Kurve, Björn tauchte wie aus dem Nichts plötzlich auf der Straße auf. „Ich hätte ihn fast überfahren.“
Heute steht Björn wieder vor ihr. Wieder wie aus dem Nichts. Nur dass er sich nicht anmerken lässt, ob er sie erkennt. „Ich habe kurz überlegt, ob ich ihn ansprechen soll“, erzählt Annika. Aber die Gefahr ist zu groß, dass er ausrasten könnte.
Große Geldsummen bekommt man nur aus einem Automaten, und der spuckt Beträge über 5000 Euro mit Zeitverzögerung aus. „Meine Kollegen haben gesagt, dass ich die ganze Zeit geredet hätte, alles erklärt hätte. Warum so wenig Geld in der Kasse ist, wieso es so schwierig ist, an größere Beträge zu kommen. Daran kann ich mich nicht erinnern.“ Aber eines weiß sie noch genau: dass sie keine Panik hatte. Obwohl die ganze Zeit eine Pistole auf sie gerichtet war. Eine Schreckschusspistole, wie sie später erfahren wird. „Vielleicht war es beruhigend für mich, dass ich ihn erkannt habe. Ich wusste, dass man ihn fassen würde. Und er war nicht psycho oder brutal. Früher nicht – und beim Überfall auch nicht.“
Annika reagierte lehrbuchmäßig alles, nur den Alarmknopf drückt sie nicht. Auch kein anderer denkt daran. Was häufig vorkommt bei Überfällen. Der Täter wird ungeduldig, Annika will Geld aus dem Tresor im Keller holen, der Räuber besteht darauf, dass alle mitkommen. Zehn Menschen auf einer schmalen Treppe. 50 000 Euro sind im Tresor, Annika gibt dem Täter auch registrierte Scheine. Er packt das Geld in eine blau-weiße Plastiktüte vom Discounter. Dann fordert er die Menge auf, im Keller zu bleiben und haut ab. Nach zwei Minuten traut Annika sich nach oben. Er ist weg.
Nicht mal jetzt, wo alles vorbei ist, bricht Annika zusammen. Sie funktioniert. Und sie weiß: Sie muss der Polizei sagen, dass sie den Täter kennt. Trotzdem rattern für ein paar Minuten auch andere Gedanken durch ihren Kopf: Bin ich mir sicher? Könnte mir etwas passieren, wenn ich ihn verrate? Ein paar Minuten voller Zweifel. Sie wischt sie alle beiseite. Doch sie kommt nicht auf seinen Namen. Sie versucht eine Freundin anzurufen, aber die ist in einer Vorlesung an der Uni. Die Polizisten besorgen von der Schule eine Namensliste seines Jahrgangs. Sie erinnert sich sofort.
Es ist 13.30 Uhr, als Annika die Bank verlassen kann. Zu diesem Zeitpunkt ist der Täter schon gefasst: Er hatte sich wie ein Schaulustiger in der Nähe aufgehalten und das Treiben beobachtet. Drei Mal wurde er dabei von Polizisten kontrolliert. Beim dritten Mal kommt es ihnen komisch vor und sie nehmen den schon polizeibekannten Mann mit. Annikas Aussage kommt wenig später. Er legt daraufhin ein umfangreiches Geständnis ab. Annika ist zu der Zeit schon mit ihrem Freund auf dem Weg zu einem Fußballspiel des HSV. „Ich wollte mich nicht zu Hause verkriechen“, sagt sie. „Alle fragten immer, ob es mir gut geht. Ich war okay.“
Erst als sie am nächsten Tag ihre Mutter trifft, machen sich die Angst und Panik doch Luft. „Ich habe fünf Minuten lang geheult. Danach war es endgültig vorbei. Ich habe gedacht, dass es mich mehr belasten würde. Ich weine schon, wenn im Fernsehen ein kleiner Hund stirbt.“ Ihre Kollegen haben oft und lange von dem Überfall geträumt, Annika nicht. „Ich habe meinen Freund jeden Morgen gefragt, ob etwas Ungewöhnliches passiert ist. Ich geweint, geschrien oder um mich geschlagen habe. Nichts.“ Dafür hat sie oft an den Täter gedacht. Wie es dazu gekommen ist, ob er in Schwierigkeiten war. Und ob er es überhaupt war. Die Polizisten dürfen vor der Verhandlung keine Namen nennen. „Ich war mir zwar zu 99 Prozent sicher, aber diese Zahl wurde jeden Tag kleiner. Irgendwann habe ich nur noch gedacht: Scheiße, was passiert, wenn er unschuldig ist und dir nächste Woche über den Weg läuft?“
Als die Vorladung im Briefkasten landet, steht sein Name darin schwarz auf weiß. „Das war der erste Schritt, um endgültig abzuschließen.“ Bei der Verhandlung darf sie nicht dabei sein, obwohl sie gerne Antworten auf ihre Fragen bekommen hätte. Man erzählt ihr, dass er von anderen zur Tat gedrängt worden sei. Dass er es ihnen Recht machen wollte. Aber das glaubt sie ihm nicht. „Er war nie ein typischer Mitläufer, der jeden Mist mitmacht.“ Bei ihrer Befragung steht sie ihm das erste Mal wieder gegenüber. Er hat mehr von dem Schuljungen als von einem Bankräuber. Sie fragt sich, wie es wohl sein wird, wenn sie ihn irgendwann draußen wieder sieht. Ob er sie ansprechen oder sich entschuldigen wird. Ihr Freund hatte ihr am Tag des Überfalls noch geraten, ihre Aussage zurückzuziehen. Nicht zuzugeben, dass sie ihn erkannt hat. Zu groß sei die Gefahr, dass Björn sich später rächen könnte. Aber würde er das wollen? Annika glaubt nicht daran. Björn sieht sie während ihrer Befragung nicht an, hebt seinen Blick keine Sekunde vom Boden. Vielleicht aus Scham. Vielleicht, weil er es einfach nicht darf. Er wird zu vier Jahren Haft verurteilt.
Als Annikas Kollegin vor eineinhalb Jahren überfallen wurde, hat sie einen Entschuldigungsbrief von den Tätern bekommen. Annika braucht keinen Brief, auch keine Entschuldigung. „Wenn ich mir sicher wäre, dass er gewusst hat, wo ich arbeite, wäre es schlimmer. Dann würde ich es als gezielte Tat verstehen.“ In ihrer Filiale fühlt sie sich heute wieder genauso sicher wie vor dem verfluchten Tag im März. Nur wenn ein Mann mit Motorradhelm und Sturmhaube hereinkommt, steht das Herz kurz still.

Angela Meier-Jakobsen für Maxi 10/09

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